Freitag, 3. Februar 2017

Cannabiskonsum und Kraftfahreignung

Robert Bischoff


Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 3 und 5 Millionen Menschen in Deutschland Cannabisprodukte – in Form von Haschisch (Blütenharz) und Marihuana (Blätter und Blüten) – konsumieren. Neben Alkohol und Medikamenten ist Cannabis die am meisten gebrauchte Droge in Deutschland.

Trotzdem ist Cannabis nach dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) immer noch verboten. Einen Ausnahmetatbestand stellt die inzwischen legale medizinische Verschreibung dar. Seit dem sogenannten „Haschisch-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1994 ist eine vorsichtige Liberalisierung in Deutschland zu verzeichnen. In Bezug auf die „Ersttäter“ kann bei Besitz und Erwerb von „geringen Mengen zum Eigenkonsum“ (in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich geregelt - in Baden-Württemberg bis maximal 6 Gramm) von der Strafverfolgung abgesehen werden. Von der Justiz hat der „gewöhnliche Kiffer“ deshalb heute nicht mehr allzu viel zu befürchten. Umso mehr fürchtet der Cannabiskonsument aber die Führerscheinstellen, denn Fälle von Cannabisbesitz werden (auch wenn es sich um „geringe Mengen“ handelt) obligatorisch von der Polizei an die Führerscheinstellen der örtlichen Straßenverkehrsämter gemeldet. Diese wiederum leiten bei Cannabisbesitz (häufig auch dann, wenn nicht unter Drogeneinfluss gefahren wurde) ein „Fahreignungsüberprüfungsverfahren“ ein, das in zahllosen Fällen mit dem Entzug des Führerscheins endet (womit nicht selten auch der Verlust des Arbeitsplatzes verbunden ist).

Das Fahreignungsüberprüfungsverfahren kann Urinkontrollen und/oder ein ärztliches Gutachten bzw. eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) beinhalten. Gegen die Anordnung von Urinkontrollen oder einer Fahreignungsbegutachtung kann der Betroffene keine Rechtsmittel einlegen, da die Anordnung der Begutachtung juristisch keinen „selbständigen Verwaltungsakt“ darstellt. Verweigert ein auffällig gewordener Kraftfahrer die Begutachtung, so wird ihm der Führerschein entzogen. Erst wenn die Führerscheinstelle die Fahrerlaubnis aufgrund einer verweigerten oder negativen Begutachtung entzogen hat, kann die Entziehung der Fahrerlaubnis durch Widerspruch (bzw. Klage vor dem Verwaltungsgericht) angefochten werden. Allerdings haben Rechtsmittel in diesem Fall keine aufschiebende Wirkung. Noch wichtiger als der Weg zum Anwalt ist deshalb in den meisten Fällen die Inanspruchnahme von verkehrstherapeutischer Hilfe (z.B. die Beratung bei einer Drogenberatungsstelle oder durch einen Verkehrspsychologen).

In deutlicher Abgrenzung zur damals vorherrschenden Praxis der Straßenverkehrsämter hat das Bundesverfassungsgericht 2002 klar gestellt, dass der einmalige oder nur gelegentliche Konsum oder Besitz von Cannabis ohne Bezug zum Straßenverkehr für sich genommen kein hinreichendes Verdachtsmoment darstellt, um ein Fahreignungsüberprüfungsverfahren einzuleiten. Die Anordnung einer Fahreignungsbegutachtung oder von Urinkontrollen ist nur dann rechtmäßig, wenn unter Drogeneinfluss gefahren wurde oder Hinweise auf einen regelmäßigen Cannabiskonsum vorliegen. In diesen Fällen müssen Cannabiskonsumenten nach wie vor mit dem Entzug der Fahrerlaubnis rechnen. Die Straßenverkehrsämter gehen ab einem Wert von 1,0 Nanogramm THC (pro Milliliter Blutserum) von „Fahren unter Drogeneinfluss“ aus.

Rechtsgrundlage für die Erteilung und Entziehung der Fahrerlaubnis ist die Fahrerlaubnisverordnung (FeV).

Fachliche Grundlage der Fahreignungsbegutachtung (MPU und ärztliches Gutachten), d.h. der Tätigkeit der amtlich anerkannten Begutachtungsstellen für Fahreignung, sind die „Leitlinien für die Begutachtung wegen Drogen- und Medikamentenkonsums“ (Bestandteil der Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahreignung) der Bundesanstalt für Straßenwesen sowie die „Beurteilungskriterien“ (Urteilsbildung in der Fahreignungsbegutachtung). Weitere Einzelheiten ergeben sich aus der geltenden Rechtsprechung sowie der – mitunter differierenden – Verwaltungspraxis der Straßenverkehrsämter.

In den Begutachtungs-Leitlinien heißt es zur Kraftfahreignung von Cannabiskonsumenten:

Wer gelegentlich Cannabis konsumiert, ist in der Lage, den gestellten Anforderungen zum Führen von Kraftfahrzeugen beider Gruppen gerecht zu werden, wenn er Konsum und Fahren trennen kann, wenn kein zusätzlicher Gebrauch von Alkohol oder anderen psychoaktiv wirkenden Stoffen und wenn keine Störung der Persönlichkeit und kein Kontrollverlust vorliegen.“ (Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahrereignung, zitiert nach Schubert et al. 2005, Seite 168)

Fazit

Bei einmaligem oder gelegentlichem Konsum von Cannabis ohne Bezug zum Straßenverkehr ist die Fahreignung grundsätzlich gegeben, wenn nicht weitere Eignungszweifel hinzukommen.

Da Cannabis wesentlich länger in Urin und Blut nachgewiesen werden kann als es wirkt (fehlende Identität von Wirkungs- und Nachweiszeit), ist jedoch unklar, wie man sich eine konsequente Trennung von gelegentlichem Konsum und Verkehrsteilnahme in der Praxis konkret vorzustellen hat.

Der regelmäßige Konsum von Cannabis schließt die Fahreignung (auch ohne Verkehrsbezug) aus. Anhand des THC-Abbauproduktes THC-COOH lässt sich nach Auffassung der Straßenverkehrsämter feststellen, ob ein gelegentlicher oder ein regelmäßiger Konsum vorliegt: Die Straßenverkehrsämter gehen in der Regel ab einer Konzentration von 75 Nanogramm THC-COOH (pro Milliliter Blutserum) von einem regelmäßigen Cannabiskonsum aus.

Der bloße Konsum oder Besitz (einmalig oder gelegentlich) von geringen Mengen Cannabis (ohne Verkehrsbezug) reicht nicht aus, um die Einleitung eines Fahreignungsüberprüfungsverfahrens zu rechtfertigen. Im Falle des „Fahrens unter Drogeneinfluss“ ist jedoch grundsätzlich mit der Anordnung einer MPU durch die Führerscheinstelle zu rechnen.



Literatur

Bundesanstalt für Straßenwesen (Hrsg.), Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahreignung; Reihe „Mensch und Sicherheit“, Heft M 115; Bergisch Gladbach 2014.

Deutsche Gesellschaft für Verkehrspsychologie und Deutsche Gesellschaft für Verkehrsmedizin (Hrsg.); Urteilsbildung in der Fahreignungsbegutachtung. Beurteilungskriterien; 3. Auflage, Bonn 2013.

Schubert, Wolfgang; Schneider, Walter; Eisenmenger, Wolfgang; Stephan, Egon; Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahrereignung. Kommentar; 2. Auflage, Bonn 2005.

Samstag, 13. August 2016

Literatur-Empfehlungen zum Thema „Führerscheinentzug und MPU“

(zusammengestellt von Robert Bischoff, Stand: 13.08.16)


Bischoff, Robert; Führerschein (fast) weg? MPU-Ratgeber: Drogen; 4. Auflage, Lörrach 2015.

Bundesanstalt für Straßenwesen (Hrsg.), Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahreignung; Reihe „Mensch und Sicherheit“, Heft M 115; Bergisch Gladbach 2014.

Bundesanstalt für Straßenwesen (Hrsg.), Informationen zur MPU, Bergisch Gladbach 2016.

Deutsche Gesellschaft für Verkehrspsychologie und Deutsche Gesellschaft für Verkehrsmedizin (Hrsg.); Urteilsbildung in der Fahreignungsbegutachtung. Beurteilungskriterien; 3. Auflage, Bonn 2013.

Kalus, Volker; Fahrerlaubnisrecht in der Praxis; Recklinghausen 2011.

Kirchner, Hermann; Die neue Fahrerlaubnisverordnung; Gesetzestext mit Kommentar; Neuwied, Kriftel 2002.

Patermann, Andreas; Schubert, Wolfgang; Graw, Matthias; Handbuch des Fahreignungsrechts, Bonn 2015.

Schubert, Wolfgang; Schneider, Walter; Eisenmenger, Wolfgang; Stephan, Egon; Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahrereignung. Kommentar; 2. Auflage, Bonn 2005.

Straßenverkehrsrecht; Beck-Texte im Deutschen Taschenbuch Verlag; 53. Auflage, München 2015.

Wagenpfeil, Thomas; Der Testknacker bei Führerscheinverlust; 16. Auflage, München 2015.

Mittwoch, 27. Juli 2016

Abstinenznachweise im Rahmen der MPU-Vorbereitung

Robert Bischoff


Für eine erfolgreiche Teilnahme an der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) ist es in der Regel nötig, dass der alkohol- bzw. drogenauffällige Kraftfahrer seine Alkohol- und/oder Drogenfreiheit (Abstinenz) nicht erst zum Zeitpunkt der MPU, sondern bereits über einen ausreichend langen Zeitraum vor der MPU (6 -12 Monate) nachweisen kann. Neben dem Abstinenznachweis ist die Inanspruchnahme fachlicher Hilfe (Alkohol- bzw. Drogenberatungsstelle, Psychotherapeut, Verkehrspsychologe) dringend anzuraten!


Abstinenznachweise bei Alkohol

Der Nachweis der Alkoholabstinenz kann durch die Teilnahme an einem EtG-Kontrollprogramm erbracht werden.

Ethylglucuronid (EtG) ist ein Stoffwechselprodukt, das beim Alkoholabbau im menschlichen Körper entsteht. Der Nachweis von EtG in Urin oder Haaren lässt ab einem bestimmten Schwellenwert auf Alkoholkonsum schließen. Umgekehrt können Sie durch die Teilnahme an einem EtG-Kontrollprogramm mit Urinkontrollen (alternativ: Haarproben) ihre Alkoholabstinenz belegen. Das EtG-Kontrollprogramm kann für 6 Monate (4 Urinkontrollen) oder 12 Monate (6 Urinkontrollen) in Auftrag gegeben werden. Mit einer Haaranalyse können Sie Ihre Alkoholabstinenz für die zurückliegenden 3 Monate belegen. In Bezug auf den erforderlichen Zeitraum des Abstinenznachweises sollten Sie sich fachkundig beraten lassen.

Durch die Erhebung von Leberwerten (Gamma-GT, GOT, GPT, MCV, evtl. CDT) ist ein Abstinenznachweis nicht zu erbringen. Sie können aber durch die Vorlage von Leberwerten im Normbereich die Behauptung untermauern, dass Sie nicht missbräuchlich Alkohol konsumieren. Wenn Sie nicht völlig auf den Konsum von Alkohol verzichten, sondern kontrolliert Alkohol trinken, sollten Sie die Leberwerte alle 6 bis 8 Wochen durch Ihren Hausarzt erheben lassen (Praxisstempel und Unterschrift des Arztes nicht vergessen!).


Abstinenznachweise bei illegalen Drogen

Der Nachweis der Drogenabstinenz kann durch die Teilnahme an einem Drogenkontrollprogramm (Urinkontrollen) oder eine Haaranalyse (1 cm = 1 Monat) erbracht werden. Dabei muss es sich grundsätzlich um ein polytoxikologisches Screening handeln.

Getestet wird auf

  • Cannabinoide
  • Morphin (Heroin, Codein etc.)
  • Methadon
  • Amphetamine incl. Ecstasy
  • Kokain
  • Benzodiazepine

Bei einer „Opiatvorgeschichte“ muss zusätzlich auf Tramadol, Tilidin und Buprenorphin (Subutex, Suboxone) getestet werden.

Mit einer Haaranalyse kann die Abstinenz von illegalen Drogen für einen Zeitraum von bis zu 6 Monaten (Alkohol: höchstens 3 Monate) belegt werden. Eine einjährige Drogenabstinenz kann mit zwei Haarproben a 6 cm dokumentiert werden. Allerdings dürfen die Haare nicht chemisch behandelt worden sein.

Nach den Beurteilungskriterien der MPU-Gutachter sind an Drogenkontrollprogramme bestimmte Qualitätsanforderungen entsprechend den Chemisch-Toxikologischen Untersuchungskriterien (sog. CTU-Kriterien) zu stellen:

  1. Die Urinkontrollen müssen kurzfristig und unvorhersehbar anberaumt werden. Zwischen Einbestellung und Urinkontrolle sollten nicht mehr als 24 Stunden liegen.
  2. Der Urin muss unter Aufsicht (Sichtkontrolle) abgegeben werden.
  3. Die zu testende Person muss sich ausweisen (Identitätskontrolle).
  4. Der Urin muss durch ein für forensische Zwecke akkreditiertes Labor untersucht werden.
  5. Das Labor muss sich an den verbindlichen Norm- und Cut-off-Werten orientieren.
  6. Der Kontrollzeitraum ist von vornherein definiert (4 Urinkontrollen in 6 Monaten oder 6 Urinkontrollen in 12 Monaten). Einzeltests werden in der Regel nicht akzeptiert.

Abstinenznachweise, die den CTU-Kriterien entsprechen, werden u.a. von den Begutachtungsstellen für Fahreignung angeboten.

Die Untersuchungsergebnisse des Drogenkontrollprogramms bzw. der Haaranalyse(n) werden in einer Abschlussbescheinigung festgehalten.

Wichtig: Bevor Sie ein EtG- oder Drogenkontrollprogramm in Auftrag geben, sollten Sie sich sicher sein, dass keinerlei Drogen oder deren Abbauprodukte mehr in Ihrem Urin nachweisbar sind. Zwischen dem Ende des Drogenkontrollprogramms (Vertragsende) und der MPU sollten nicht mehr als 8 Wochen vergehen, damit keine Nachweislücke entsteht. Vergehen mehr als 8 Wochen, müssen Sie sich darauf einstellen, dass der MPU-Gutachter eine zusätzliche Haarprobe (auf Ihre Kosten) von Ihnen verlangt, damit die Nachweislücke geschlossen werden kann. Sind zum Zeitpunkt der MPU mehr als 4 Monate seit Ende des Drogenkontrollprogramms (bzw. der letzten Haarprobe) vergangen, sind die erbrachten Abstinenznachweise bei der Begutachtung praktisch wertlos.

Die Einnahme von Medikamenten, das Passivrauchen von Cannabis, der Konsum von Mohnprodukten und andere Faktoren können unter Umständen die Testergebnisse verfälschen!



Literatur: Deutsche Gesellschaft für Verkehrspsychologie und Deutsche Gesellschaft für Verkehrsmedizin (Hrsg.); Urteilsbildung in der Fahreignungsbegutachtung. Beurteilungskriterien; 3. Auflage, Bonn 2013.

Samstag, 2. Juli 2016

Substitution und Führerschein


Vorbemerkung: Bei dem nachstehenden Beitrag handelt es sich um einen überarbeiteten Auszug aus „Führerschein (fast) weg? MPU-Ratgeber: Drogen“ von Robert Bischoff, 4. Auflage, Lörrach 2015.
Die ärztliche Behandlung mit Ersatzdrogen (Substitution) schließt nicht grundsätzlich die Fahreignung aus:
Die Behandlung eines Bewerbers mit Methadon (Polamidon) schließt nicht ohne weiteres die Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen aus. Die nachgewiesene Freiheit vom Beikonsum anderer psychotroper Substanzen kann eine positive Beurteilung erlauben (OVG Hamburg, Beschl. vom 6.12.1996 — OVG Bs VI 214/96, DAR 1997, 162).“ (Kirchner 2002, 117)
Das vorstehende Zitat bezieht sich natürlich auch auf die Substitution mit Buprenorphin (Subutex/Suboxone).
Ist bei der Führerscheinstelle aktenkundig, dass Sie Substitutionsmittel einnehmen, müssen Sie jedoch auf jeden Fall mit der Anordnung einer MPU rechnen.
Angesichts der strengen Maßstäbe, welche die Gutachter an Substituierte anlegen, ist eine positive Beurteilung im Rahmen der MPU in den meisten Fällen allerdings eher unwahrscheinlich:
Bei i.v.-Drogenabhängigen kann unter bestimmten Umständen eine Substitutionsbehandlung mit Methadon indiziert sein. Wer als Heroinabhängiger mit Methadon substituiert wird, ist im Hinblick auf eine hinreichend beständige Anpassungs- und Leistungsfähigkeit in der Regel nicht geeignet, ein Kraftfahrzeug zu führen. Nur in seltenen Ausnahmefällen ist eine positive Beurteilung möglich, wenn besondere Umstände dies im Einzelfall rechtfertigen. Hierzu gehören u.a. eine mehr als einjährige Methadonsubstitution, eine psychosoziale stabile Integration, die Freiheit von Beigebrauch anderer psychoaktiver Substanzen, incl. Alkohol, seit mindestens einem Jahr, nachgewiesen durch geeignete, regelmäßige, zufällige Kontrollen (z.B. Urin, Haar) während der Therapie (gemeint ist die Substitutionsbehandlung — Anmerkung von Robert Bischoff), der Nachweis für Eigenverantwortung und Therapie-Compliance sowie das Fehlen einer Störung der Gesamtpersönlichkeit.“ (Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahrereignung, zitiert nach Schubert et al. 2005, 168)
Ist der Konsum von Substitutionsmitteln aktenkundig, wird die zuständige Führerscheinstelle eine MPU veranlassen, um abzuklären, ob die Fahreignung im Einzelfall möglicherweise doch gegeben ist. Das vorstehend angeführte Zitat aus den Begutachtungs-Leitlinien macht jedoch deutlich, dass die Gutachter an Substituierte sehr hohe Anforderungen stellen, die schon allein aus praktischen Gründen nur sehr schwer zu erfüllen sind. Deshalb ist auch nur in seltenen Ausnahmefällen mit einem für die Betroffenen positiven medizinisch-psychologischen Gutachten zu rechnen.
Die geforderte „Freiheit von Beigebrauch anderer psychoaktiver Substanzen“ bezieht sich in diesem Zusammenhang auch auf den Cannabis- und Alkoholgebrauch, der jedoch von den substituierenden Ärzten häufig nicht als „Beigebrauch“ gewertet und deshalb nicht dokumentiert wird. Wenn Sie sich als Substituierter einer MPU unterziehen wollen bzw. müssen, sollten Sie parallel zur Substitution an einem Drogenkontrollprogramm teilnehmen, da die Urinkontrollen der substituierenden Ärzte meistens nicht den Chemisch-Toxikologischen Untersuchungskriterien entsprechen. Im Rahmen des einjährigen Drogenkontrollprogramms (siehe Anmerkung 1) muss bei Substitution neben den gängigen Substanzen auf weitere Opioide (Buprenorphin, Tramadol, Tilidin u.a.) getestet werden.
Bei Methadon-Substitution sollte die Dosis 60 mg Methadon pro Tag nicht überschreiten (vgl. DGVP und DGVM 2013, 176). Für Buprenorphin (Subutex und Suboxone) wurde bislang keine Höchstdosis festgelegt.
Außerdem sollten Sie Ihre Alkoholabstinenz durch die Teilnahme an einem EtG-Kontrollprogramm dokumentieren. EtG- und Drogenkontrollprogramm können auch miteinander kombiniert werden. Darüber hinaus ist es dringend erforderlich, bei der MPU einen schriftlichen Nachweis über die Teilnahme an psychosozialen Begleitmaßnahmen (Beratung bei der Drogenberatungsstelle oder Psychotherapie) vorzulegen. Auch Bescheinigungen z.B. von Arbeitgebern oder (ehemaligen) Bewährungshelfern, die eine soziale Reintegration belegen, können hilfreich sein.
Nach den neuen Beurteilungskriterien (3. Auflage 2013) kann der MPU-Gutachter eine Nachuntersuchung (erneute MPU nach ein oder zwei Jahren) oder eine „weitere Verlaufskontrolle“ (z.B. halbjährliche Bescheinigungen des behandelnden Arztes oder weitere Abstinenznachweise zur Vorlage bei der Führerscheinstelle) empfehlen (vgl. DGVP und DGVM 2013, 178). Diese neue Regelung birgt für Substituierte das Risiko in sich, dass die „Substitutions-MPU“ zur kostspieligen und nervenaufreibenden „Dauerüberprüfung“ wird!


Anmerkungen:
  1. Drogenkontrollprogramm: Ein Drogenkontrollprogramm mittels Urinkontrollen wird bei der MPU nur dann anerkannt, wenn die Chemisch-Toxikologischen Untersuchungskriterien (CTU-Kriterien) erfüllt sind, die einen wichtigen Bestandteil der Beurteilungskriterien der MPU-Gutachter darstellen (siehe DGVP und DGVM 2013):
  • Es erfolgt eine kurzfristige und unvorhersehbare Einbestellung (am Tag vor der Urinkontrolle)
  • Die Abgabe des Urins erfolgt unter Aufsicht (Sichtkontrolle)
  • Die Identität der zu testenden Person wird geprüft (Personalausweis).
  • Es erfolgt eine quantitative Analyse über das „gesamte“ Drogenspektrum (Cannabinoide, Opiate, Methadon, Amphetamine incl. Ecstasy, Kokain, Benzodiazepine).
  • Die Untersuchung der Probe findet in einem für forensische Zwecke akkreditierten Labor statt.
  • Das Labor muss sich an den verbindlichen Schwellenwerten orientieren.
  • Der Kontrollzeitraum ist von vornherein definiert und umfasst bei Substituierten 6 Urinkontrollen in 12 Monaten. Alternativ sind auch zwei Haarproben (a 6 cm Länge) möglich.
Leider entsprechen die Urinkontrollen der substituierenden Ärzte meistens nicht den CTU-Kriterien.


  1. EtG-Kontrollprogramm: Ethylglucuronid (EtG) ist ein Stoffwechselprodukt, das beim Alkoholabbau im menschlichen Körper entsteht. Das EtG-Kontrollprogramm funktioniert wie ein Drogenkontrollprogramm (siehe oben) und eignet sich als Abstinenznachweis in Bezug auf Alkohol. Auch ein EtG-Kontrollprogramm muss die CTU-Kriterien (siehe Anmerkung 1) erfüllen.


Literatur:
Bundesanstalt für Straßenwesen (Hrsg.), Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahreignung; Reihe „Mensch und Sicherheit“, Heft M 115; Bergisch Gladbach 2014.
Deutsche Gesellschaft für Verkehrspsychologie und Deutsche Gesellschaft für Verkehrsmedizin (Hrsg.); Urteilsbildung in der Fahreignungsbegutachtung. Beurteilungskriterien; 3. Auflage, Bonn 2013.
Kirchner, Hermann; Die neue Fahrerlaubnisverordnung; Gesetzestext mit Kommentar; Neuwied, Kriftel 2002.
Schubert, Wolfgang; Schneider, Walter; Eisenmenger, Wolfgang; Stephan, Egon; Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahrereignung. Kommentar; 2. Auflage, Bonn 2005.

Dienstag, 14. Juni 2016

Schöne“ neue Drogenwelt

Robert Bischoff


Als in den 70er Jahren die ersten Hilfseinrichtungen für illegal Drogenabhängige in Deutschland entstanden, wurde das „Drogenproblem“ sowohl in der Fachwelt als auch in der Öffentlichkeit vor allem als „Heroinproblem“ wahrgenommen. Heute ist die Bedeutung des Heroinkonsums dagegen tendenziell abnehmend: „Die Zahl der neuen Heroinpatienten hat sich 2013 mit 23000 Patienten gegenüber dem Höchstwert von 59000 im Jahr 2007 mehr als halbiert. Insgesamt scheint es immer weniger Neueinsteiger in den Heroinkonsum zu geben, was sich nunmehr auf die Behandlungsnachfrage auswirkt.“ (EBDD, Seite 51). Der intravenöse Konsum von Heroin, der besondere gesundheitliche Risiken (Infektionsgefahr, Überdosierung etc.) in sich birgt, ist ebenfalls rückläufig: „Unter den Erstpatienten mit Heroin als Primärdroge gaben 33 % injizierenden Konsum als hauptsächliche Form der Einnahme an, während es 2006 noch 43 % waren.“ (EBDD, Seite 54). Gleichwohl sind die Opioidkonsumenten in der Drogenhilfe auch heute noch eine der größten Klientengruppen. Das gilt auch für die Drogen- und Jugendberatungsstelle Lörrach.

Lag der Fokus der Drogenhilfe in der Vergangenheit vor allem auf dem „Heroinproblem“ und seinen Folgen, so sieht sich die Suchthilfe heute mit einer Vielzahl von psychoaktiven Substanzen, Konsumentengruppen und Gebrauchsmustern konfrontiert. Im illegalen Bereich sind neben den Opioidkonsumenten vor allem die Gebraucher von Cannabis und leistungssteigernden Drogen (wie z.B. Amphetaminen und Kokain) sowie eine zunehmende Zahl von Usern synthetischer „Designer-Drogen“ (im Folgenden als „neue psychoaktive Substanzen“ oder NPS bezeichnet) zu nennen. Die Tatsache, dass 101 NPS im Jahr 2014 entdeckt wurden (vgl. EBDD, Seite 16), macht deutlich, dass sich der europäische Drogenmarkt in einem rasanten Tempo verändert. Synthetische Cannabinoide und synthetische Cathinone (Stimulantien) sind die Gruppen der am häufigsten sichergestellten NPS, „was die relativ hohe Nachfrage nach Cannabis und Stimulanzien auf dem illegalen Drogenmarkt widerspiegelt.“ (EBDD, Seite 32).

Das Internet (sowohl das offene „Surface Web“ wie auch das verborgene „Deep Web“ bzw. „Darknet“) spielt für den Drogenmarkt eine zunehmend wichtige Rolle: „Das Internet ist auch für die Entwicklung des Marktes für neue psychoaktive Substanzen ein wichtiger Faktor, und zwar sowohl direkt, über Online-Shops, als auch indirekt, indem es Herstellern einen einfachen Zugang zu Forschungs- und pharmazeutischen Daten ermöglicht und potenziellen Konsumenten ein Forum für den Informationsaustausch zur Verfügung stellt.“ (EBDD, Seite 14) Inzwischen können sowohl die gängigen Drogen (Opiate, Cannabis, Amphetamine etc.) als auch eine Vielzahl von legalen und illegalen NPS über das Internet bestellt werden.

Ständig kommen neue „Designer-Drogen“ hinzu, mit denen die Produzenten dieser Drogen die Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) umgehen, indem sie bekannte Substanzen chemisch modifizieren. Die so erfundenen „neuen“ Drogen sind dann legal („legal highs“) – zumindest solange, bis der Gesetzgeber die neuen psychoaktiven Substanzen identifiziert und in einem langwierigen Gesetzgebungsverfahren verboten hat. Ein relativ bekanntes Beispiel hierfür ist „Spice“, ein synthetisches Cannabinoid, das zeitweise als „Kräutermischung“ vermarktet und inzwischen verboten wurde. Da jedoch der Gesetzgeber die neuen psychoaktiven Substanzen nicht so schnell identifizieren und verbieten kann, wie diese erfunden werden, und somit den Produzenten zeitlich hinterherhinkt, wird mittlerweile das Verbot ganzer Substanzgruppen (anstatt des Verbots einzelner Substanzen) diskutiert. Ob dies allerdings juristisch überhaupt ein gangbarer Weg ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Gegenwärtig sind die „legal highs“ nicht zuletzt aufgrund ihres rechtlichen Status (nicht verboten) und der beschränkten Nachweismöglichkeiten in Blut und Urin für Konsumenten interessant. Vor allem für Klienten, die auf Anweisung des Gerichts oder im Rahmen einer Fahreignungsüberprüfung hinsichtlich Drogenfreiheit kontrolliert werden oder die im Rahmen einer ärztlichen Substitutionsbehandlung auf „Beikonsum“ getestet werden, ist der Konsum von „legal highs“ attraktiv, da in der Praxis kaum nachweisbar. Dies stellt auch für stationäre Drogentherapieeinrichtungen inzwischen ein Problem dar, denn die neuen psychoaktiven Substanzen werden durch die herkömmlichen Screeningverfahren in der Regel nicht erfasst. Neben dem geringeren Risiko, entdeckt und strafrechtlich verfolgt zu werden, begünstigen auch niedrige Kosten, ständige Verfügbarkeit (durch den Internet-Handel) und ein teilweise hoher Reinheitsgehalt den Konsum von NPS. Außerdem gibt es Hinweise, „dass neue psychoaktive Substanzen in Zeiten, in denen die etablierten illegalen Drogen nur in geringer Menge und schlechter Qualität auf dem Markt verfügbar sind, als Ersatzstoffe fungieren. Beispielsweise wurde die Beliebtheit von Mephedron in einigen Ländern zu Beginn dieses Jahrzehnts zum Teil auf die schlechte Qualität von illegalen Stimulanzien wie MDMA und Kokain zurückgeführt. Es wird interessant sein zu sehen, ob die gegenwärtig festgestellte Erhöhung des Wirkstoffgehalts und des Reinheitsgrads etablierter Drogen Auswirkungen auf den Konsum neuer psychoaktiver Substanzen haben wird.“ (EBDD, Seite 16).

Ausblick

Für die Zukunft des Drogenhandels ist zu erwarten, dass (wie auch bei legal gehandelten Produkten) eine zunehmende Verlagerung von physischen hin zu Online-Marktplätzen stattfindet (vgl. EBDD, Seite 14), auf denen sich sowohl Endverbraucher als auch herkömmliche Dealer, die für den „traditionellen Handel“ bestellen, versorgen. „Auch für die Drogenkontrollpolitik dürfte dieser Bereich eine Herausforderung darstellen, da es hier schnell zu neuen Entwicklungen, wie der Einführung neuer Marktplätze und Kryptowährungen, kommen kann. Bestehende Regelungsmodelle müssen angepasst werden, um in einem globalen und virtuellen Kontext zu funktionieren.“ (EBDD, Seite 14).

Es ist zu befürchten, dass der Konsum von NPS weiter ansteigen wird. 2014 spielten neue psychoaktive Substanzen, insbesondere Cathinone, bereits bei 9 Prozent aller drogenbedingten Notfälle eine Rolle (vgl. EBDD, Seite 58). In Ungarn war bei der Hälfte aller im Jahr 2013 gemeldeten drogenbedingten Todesfälle eine Beteiligung von NPS festzustellen (vgl. EBDD, Seite 58).

In Bezug auf den „traditionellen Drogenmarkt“ lässt sich prognostizieren, dass die Cannabinoide ihre Position als „Spitzenreiter“ behaupten werden. Das bestehende Cannabisverbot begünstigt den Trend, dass Konsumenten auf synthetische Cannabinoide („legal highs“) ausweichen, um als Drogenkonsumenten unentdeckt zu bleiben und sich der strafrechtlichen Verfolgung zu entziehen.

Mit einer Steigerung der Konsumentenzahlen ist vor allem bei den leistungssteigernden Substanzen zu rechnen. Dafür spricht die im Jahr 2013 gestiegene Zahl von Sicherstellungen bei Amphetamin und die seit 2002 zu verzeichnende erhöhte Verfügbarkeit von Metamphetamin, das auf der Szene und in der Presse auch als „Crystal“ bezeichnet wird (vgl. EBDD, Seite 27 f.).

Der Heroinkonsum wird in den nächsten Jahren vermutlich weiter zurückgehen: „Zwei Trends zeichnen sich unter Opioidkonsumenten, die sich in Behandlung begeben, ab: Ihre Zahl ist rückläufig und ihr Durchschnittsalter steigt…“ (EBDD, Seite 52). Da die Lebenserwartung von Opiatabhängigen dank der weit verbreiteten Behandlung mit Ersatzdrogen (Substitution) deutlich gestiegen ist, werden vor allem die Probleme von älter werdenden Morphinisten (Stichwort: Sucht im Alter) die Drogenhilfe in Zukunft stark beschäftigen. „Schon bald wird die Mehrheit der behandelten problematischen Opioidkonsumenten älter als 40 Jahre sein. Neben drogeninduzierten Gesundheitsproblemen leiden Opioidkonsumenten auch zunehmend unter altersbedingten Gesundheitsproblemen, die oftmals durch den Lebensstil betreffende Faktoren noch verschlimmert werden. (…) In Zukunft müssen Drogentherapie- und Betreuungsprogramme geändert und weiterentwickelt werden, um eine angemessene Betreuung für diese alternde Kohorte sicherzustellen. Dies erfordert die Schulung von Fachpersonal und eine Veränderung des Betreuungsangebots.“ (EBDD, Seite 68 f.)


Literatur:

Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, Europäischer Drogenbericht – Trends und Entwicklungen 2015, Lissabon 2015.