Dienstag, 14. Juni 2016

Schöne“ neue Drogenwelt

Robert Bischoff


Als in den 70er Jahren die ersten Hilfseinrichtungen für illegal Drogenabhängige in Deutschland entstanden, wurde das „Drogenproblem“ sowohl in der Fachwelt als auch in der Öffentlichkeit vor allem als „Heroinproblem“ wahrgenommen. Heute ist die Bedeutung des Heroinkonsums dagegen tendenziell abnehmend: „Die Zahl der neuen Heroinpatienten hat sich 2013 mit 23000 Patienten gegenüber dem Höchstwert von 59000 im Jahr 2007 mehr als halbiert. Insgesamt scheint es immer weniger Neueinsteiger in den Heroinkonsum zu geben, was sich nunmehr auf die Behandlungsnachfrage auswirkt.“ (EBDD, Seite 51). Der intravenöse Konsum von Heroin, der besondere gesundheitliche Risiken (Infektionsgefahr, Überdosierung etc.) in sich birgt, ist ebenfalls rückläufig: „Unter den Erstpatienten mit Heroin als Primärdroge gaben 33 % injizierenden Konsum als hauptsächliche Form der Einnahme an, während es 2006 noch 43 % waren.“ (EBDD, Seite 54). Gleichwohl sind die Opioidkonsumenten in der Drogenhilfe auch heute noch eine der größten Klientengruppen. Das gilt auch für die Drogen- und Jugendberatungsstelle Lörrach.

Lag der Fokus der Drogenhilfe in der Vergangenheit vor allem auf dem „Heroinproblem“ und seinen Folgen, so sieht sich die Suchthilfe heute mit einer Vielzahl von psychoaktiven Substanzen, Konsumentengruppen und Gebrauchsmustern konfrontiert. Im illegalen Bereich sind neben den Opioidkonsumenten vor allem die Gebraucher von Cannabis und leistungssteigernden Drogen (wie z.B. Amphetaminen und Kokain) sowie eine zunehmende Zahl von Usern synthetischer „Designer-Drogen“ (im Folgenden als „neue psychoaktive Substanzen“ oder NPS bezeichnet) zu nennen. Die Tatsache, dass 101 NPS im Jahr 2014 entdeckt wurden (vgl. EBDD, Seite 16), macht deutlich, dass sich der europäische Drogenmarkt in einem rasanten Tempo verändert. Synthetische Cannabinoide und synthetische Cathinone (Stimulantien) sind die Gruppen der am häufigsten sichergestellten NPS, „was die relativ hohe Nachfrage nach Cannabis und Stimulanzien auf dem illegalen Drogenmarkt widerspiegelt.“ (EBDD, Seite 32).

Das Internet (sowohl das offene „Surface Web“ wie auch das verborgene „Deep Web“ bzw. „Darknet“) spielt für den Drogenmarkt eine zunehmend wichtige Rolle: „Das Internet ist auch für die Entwicklung des Marktes für neue psychoaktive Substanzen ein wichtiger Faktor, und zwar sowohl direkt, über Online-Shops, als auch indirekt, indem es Herstellern einen einfachen Zugang zu Forschungs- und pharmazeutischen Daten ermöglicht und potenziellen Konsumenten ein Forum für den Informationsaustausch zur Verfügung stellt.“ (EBDD, Seite 14) Inzwischen können sowohl die gängigen Drogen (Opiate, Cannabis, Amphetamine etc.) als auch eine Vielzahl von legalen und illegalen NPS über das Internet bestellt werden.

Ständig kommen neue „Designer-Drogen“ hinzu, mit denen die Produzenten dieser Drogen die Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) umgehen, indem sie bekannte Substanzen chemisch modifizieren. Die so erfundenen „neuen“ Drogen sind dann legal („legal highs“) – zumindest solange, bis der Gesetzgeber die neuen psychoaktiven Substanzen identifiziert und in einem langwierigen Gesetzgebungsverfahren verboten hat. Ein relativ bekanntes Beispiel hierfür ist „Spice“, ein synthetisches Cannabinoid, das zeitweise als „Kräutermischung“ vermarktet und inzwischen verboten wurde. Da jedoch der Gesetzgeber die neuen psychoaktiven Substanzen nicht so schnell identifizieren und verbieten kann, wie diese erfunden werden, und somit den Produzenten zeitlich hinterherhinkt, wird mittlerweile das Verbot ganzer Substanzgruppen (anstatt des Verbots einzelner Substanzen) diskutiert. Ob dies allerdings juristisch überhaupt ein gangbarer Weg ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Gegenwärtig sind die „legal highs“ nicht zuletzt aufgrund ihres rechtlichen Status (nicht verboten) und der beschränkten Nachweismöglichkeiten in Blut und Urin für Konsumenten interessant. Vor allem für Klienten, die auf Anweisung des Gerichts oder im Rahmen einer Fahreignungsüberprüfung hinsichtlich Drogenfreiheit kontrolliert werden oder die im Rahmen einer ärztlichen Substitutionsbehandlung auf „Beikonsum“ getestet werden, ist der Konsum von „legal highs“ attraktiv, da in der Praxis kaum nachweisbar. Dies stellt auch für stationäre Drogentherapieeinrichtungen inzwischen ein Problem dar, denn die neuen psychoaktiven Substanzen werden durch die herkömmlichen Screeningverfahren in der Regel nicht erfasst. Neben dem geringeren Risiko, entdeckt und strafrechtlich verfolgt zu werden, begünstigen auch niedrige Kosten, ständige Verfügbarkeit (durch den Internet-Handel) und ein teilweise hoher Reinheitsgehalt den Konsum von NPS. Außerdem gibt es Hinweise, „dass neue psychoaktive Substanzen in Zeiten, in denen die etablierten illegalen Drogen nur in geringer Menge und schlechter Qualität auf dem Markt verfügbar sind, als Ersatzstoffe fungieren. Beispielsweise wurde die Beliebtheit von Mephedron in einigen Ländern zu Beginn dieses Jahrzehnts zum Teil auf die schlechte Qualität von illegalen Stimulanzien wie MDMA und Kokain zurückgeführt. Es wird interessant sein zu sehen, ob die gegenwärtig festgestellte Erhöhung des Wirkstoffgehalts und des Reinheitsgrads etablierter Drogen Auswirkungen auf den Konsum neuer psychoaktiver Substanzen haben wird.“ (EBDD, Seite 16).

Ausblick

Für die Zukunft des Drogenhandels ist zu erwarten, dass (wie auch bei legal gehandelten Produkten) eine zunehmende Verlagerung von physischen hin zu Online-Marktplätzen stattfindet (vgl. EBDD, Seite 14), auf denen sich sowohl Endverbraucher als auch herkömmliche Dealer, die für den „traditionellen Handel“ bestellen, versorgen. „Auch für die Drogenkontrollpolitik dürfte dieser Bereich eine Herausforderung darstellen, da es hier schnell zu neuen Entwicklungen, wie der Einführung neuer Marktplätze und Kryptowährungen, kommen kann. Bestehende Regelungsmodelle müssen angepasst werden, um in einem globalen und virtuellen Kontext zu funktionieren.“ (EBDD, Seite 14).

Es ist zu befürchten, dass der Konsum von NPS weiter ansteigen wird. 2014 spielten neue psychoaktive Substanzen, insbesondere Cathinone, bereits bei 9 Prozent aller drogenbedingten Notfälle eine Rolle (vgl. EBDD, Seite 58). In Ungarn war bei der Hälfte aller im Jahr 2013 gemeldeten drogenbedingten Todesfälle eine Beteiligung von NPS festzustellen (vgl. EBDD, Seite 58).

In Bezug auf den „traditionellen Drogenmarkt“ lässt sich prognostizieren, dass die Cannabinoide ihre Position als „Spitzenreiter“ behaupten werden. Das bestehende Cannabisverbot begünstigt den Trend, dass Konsumenten auf synthetische Cannabinoide („legal highs“) ausweichen, um als Drogenkonsumenten unentdeckt zu bleiben und sich der strafrechtlichen Verfolgung zu entziehen.

Mit einer Steigerung der Konsumentenzahlen ist vor allem bei den leistungssteigernden Substanzen zu rechnen. Dafür spricht die im Jahr 2013 gestiegene Zahl von Sicherstellungen bei Amphetamin und die seit 2002 zu verzeichnende erhöhte Verfügbarkeit von Metamphetamin, das auf der Szene und in der Presse auch als „Crystal“ bezeichnet wird (vgl. EBDD, Seite 27 f.).

Der Heroinkonsum wird in den nächsten Jahren vermutlich weiter zurückgehen: „Zwei Trends zeichnen sich unter Opioidkonsumenten, die sich in Behandlung begeben, ab: Ihre Zahl ist rückläufig und ihr Durchschnittsalter steigt…“ (EBDD, Seite 52). Da die Lebenserwartung von Opiatabhängigen dank der weit verbreiteten Behandlung mit Ersatzdrogen (Substitution) deutlich gestiegen ist, werden vor allem die Probleme von älter werdenden Morphinisten (Stichwort: Sucht im Alter) die Drogenhilfe in Zukunft stark beschäftigen. „Schon bald wird die Mehrheit der behandelten problematischen Opioidkonsumenten älter als 40 Jahre sein. Neben drogeninduzierten Gesundheitsproblemen leiden Opioidkonsumenten auch zunehmend unter altersbedingten Gesundheitsproblemen, die oftmals durch den Lebensstil betreffende Faktoren noch verschlimmert werden. (…) In Zukunft müssen Drogentherapie- und Betreuungsprogramme geändert und weiterentwickelt werden, um eine angemessene Betreuung für diese alternde Kohorte sicherzustellen. Dies erfordert die Schulung von Fachpersonal und eine Veränderung des Betreuungsangebots.“ (EBDD, Seite 68 f.)


Literatur:

Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, Europäischer Drogenbericht – Trends und Entwicklungen 2015, Lissabon 2015.